Joana, Du geile Sau,
geboren um Liebe zu geben, Du Luder,
verbotene Träume erleben, Du Drecksau,
ohne Fragen an den Morgen danach.
(Brunftschrei des gemeinen germanischen Wildschweins)
Über den Bildschirm flimmern Heinz Sielmanns Expeditionen ins Tierreich. Der bekannte Verhaltensforscher steht an der Playa de Palma, Höhe Ballermann sechs.
„Das gemeine germanische Wildschwein, lateinisch Sus germanus, wurde vor etwa fünfzig Jahren erstmalig auf der Insel eingeschleppt. Seither verlässt es einmal im Jahr für eine Woche sein heimisches Revier, um so richtig die Sau rauszulassen. Die spanischen Förster freilich betrachten die ausländischen Horden längst als Plage, sprechen von einer regelrechten Schweinepest.”
Kameraschwenk. Professor Bernhard Grzimek, legendärer Tierfilmer und Meister der Tarnung, beobachtet das Treiben aus einem Müllcontainer heraus.
„Doch urteilen wir nicht vorschnell über diese possierlichen Tierchen! Welche Gefahren gehen tatsächlich von ihnen aus? Welche Verhaltensmuster legen sie an den Tag?”
Sielmann: „Das gemeine germanische Wildschwein tritt im Rudel auf und erkennt seine Gefährten daran, dass sie die gleichen Motto-T-Shirts tragen. Das mag seltsam klingen, ist aber so. Aus unerklärlichen Gründen ist ein schwerer, im Tierreich einmaliger genetischer Defekt aufgetreten: Es handelt sich um die einzigen Schweine, die Interesse für Kegeln und Fußball zeigen, deren gesamte Existenz sich den großen Themen Sex und Suff unterordnet, kurzum: die nahezu menschliche Züge tragen. Die typische weibliche Rotte, vom Fachmann Häkelbüdelclub genannt, trägt Trikots mit dem Aufdruck: Malle Diven.” Nahaufnahme Grzimek: „Ach, wie niedlich.”
„Die Keiler schmücken sich mit putzigen Leibchen, um ihre Rivalen zu beeindrucken: Wer tanzt hat bloß kein Geld zum Saufen.”
Ein offensichtlich verwirrtes weibliches Exemplar
„Eine elitäre Schweinbande hat diese These weiterentwickelt und daraus ein prägnantes und kreatives Destillat gewonnen: Kotzen macht Durst. Das ungekrönte Kamener Kreuz unter den Herrenhemden verknüpft die zentralen Themen in vorbildlicher Weise: Des kleinen Mannes Sonnenschein - Ist ficken und besoffen sein.”
Peter „Löwenzahn” Lustig (Wo kommt der jetzt eigentlich her?) springt, empört ob der unflätigen Ausdrücke, ins Bild. „Riesenschweinerei!” Sielmann versucht ihn zu beruhigen. Das sei im Tierreich alles ganz natürlich. Findet Lustig gar nicht komisch. Grzimek klettert aus seinem Versteck, überwältigt den humorlosen Kinderfreund. Weiter im Programm:
„Das Alphatier hebt sich stets optisch ab: Sextrainer - Probestunde gratis. Hier hat sich die Natur wirklich etwas Tolles einfallen lassen. Die dumme Sau fällt auf die List herein und lässt sich bereitwillig decken. Den Evolutionsverlierern wird die Sache freilich nicht so leicht gemacht. Sie müssen offensiv um die potenziellen Geschlechtspartnerinnen buhlen und röhren ihren Brunftschrei: Joana, Du geile Sau!
Die Bachen erwidern ihre Paarungsbereitschaft durch folgenden Fruchtbarkeitstanz: Komm hol dein Lasso raus, so wie beim ersten Mal, ja - ja - ja!”
Lustig reißt sich aus Grzimeks Schwitzkasten los, sprintet Richtung Kamera, kriecht aus der Bildröhre direkt in mein Krankenbett. Ich verschmelze mit Peter Lustig. Mir ist so unglaublich heiß. „Señor Osterloh!” Das ist spanisch und bedeutet Fieber messen. Ich bin schlagartig hellwach. Seit sechs Wochen liege ich auf der Seuchenstation des Universitätsklinikums zu Palma de Mallorca. Diagnose: Schweinegrippe.
Die Schwester dreht mich auf die Seite. Und an dieser Stelle halte es mit dem lustigen Latzhosenträger und sage:
Abschalten!
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Unser Kolumnist Holger Osterloh arbeitete nach einer Ausbildung zum Erd- und Feuerbestatter mehrere Jahre als Chefanimateur auf der Gorch Fock. Parallel war er als Imageberater für Wolfgang Petry und Hartmut Engler tätig. Seit 2007 lebt er auf Mallorca und arbeitet dort als Animateur im Vergnügungslokal Biermeister sowie als freier Journalist für den Ballermann Boten. Osterloh meldet sich in unregelmäßigen Abständen von der Achse der Friseusen und versucht, das Unfassbare in Worte zu fassen, damit es in Zukunft nicht mehr heißen muss:
Die Wahrheit bleibt auf der Insel.