Monthly Archive for Dezember, 2009

Die Mallorca-Kolumne: Es gibt keinen TÜV für Malle

Wenn das hier so weitergeht, bekomm ich Angst,
dass ich bald sterben werde, an ner Überdosis Fremdscham.
(Jan Delay, Hypochonder)

Auch mein Freund Gunnar, der sich seinen Abenteuerurlaub auf der Mutter aller Inseln irgendwie anders vorgestellt hat, fürchtet sich vor dem unmittelbar bevorstehenden Tod durch Kulturschock. Nur mit Mühe gelingt es mir, den Mallorca-Novizen wieder aufzubauen und durch stundenlangen Mario-Barth-Konsum intellektuell auf Pipikackaniveau runterzupixeln. Rollenspiele bereiten auf den Spaßfall vor. Ich (Roberto Blanco): „Ein bisschen Spaß muss sein.” Er (Florian Silbereisen): „Die Deutschen sind ja viel zu ernst. Und wenn wir dann mal lustig sind, wird immer gleich rumgenörgelt. Man muss auch mal fünfe…” Gut gemacht, Gunnar! Schnell noch ein paar Plattitüden für den Süden gelernt: Wir können auch ohne Alkohol Spaß haben… Aber sicher ist sicher!wer-sich-erinnern-kann-war-nicht-dabei-2

Oder diese Variante:wer-noch-was-weis
Gewappnet für den Praxistest, finden wir beim Strandspaziergang am Ballermann Sechs eine typische Situation vor. Ein überdimensionales Transparent mit der Aufschrift „Die Wahrheit bleibt auf der Insel” versperrt uns den Weg. Auf dem dazugehörigen Gartenpavillon thronen Reichskriegsflagge und Vereinswimpel des Bezirksligisten 1. FC Turbine Mettmann in trauter Zweisamkeit. Vorsicht! Bloß nicht in das übermannsgroße Kronkorkenferrarilogomosaik trampeln. Auf der Tapeziertischtheke wartet eine Hundertschaft Plastikeimer mit Sangria und XXL-Strohhalmen auf ihren Einsatz. Keine Frage, die Trinksportabteilung des Vereins arbeitet auf professionellem Niveau. Eine Schubkarre sichert sowohl den Getränkenachschub als auch den Rücktransport für den komatösen Rest. Der Mannschaftskapitän erläutert seine Taktik per Megaphon: „Kein Alkohol ist auch keine Lösung!” Instinktiv entreiße ich dem verblüfften Anführer die Flüstertüte und übernehme das Kommando: „Wo sind die Hände!? Wo sind die Patschehändchen!?”
Unkontrollierte Ausbrüche. Der Fachmann nennt das Mallorca-Tourette-Syndrom. Wenn ich, im richtigen Leben, morgens aus dem Haus gehe, muss ich mich konzentrieren, um der Bäckereifachverkäuferin nicht ein zünftiges „Da simmer dabei!” entgegenzuschmettern. Gib mir ein „Mehr”! Gib mir ein „Korn”! Gib mir ein „Brötchen”! Und was esse ich zum Frühstück!?
„Alle Hände gehen steil nach oben, direkt in den Party-Himmel!” Während ich gerade erst anfange, ist Gunnar schon wieder mit den Nerven am Ende. Party-Himmel? Party-Hölle. Wahnsinn. „Die Hände zum Himmel, komm lasst uns fröhlich sein…” Die erste Mannschaft des sympathischen Fußballclubs, bereits im kollektiven Freudentaumel, ahnt nicht, dass ich sogleich zum finalen Schlag ansetze: „Halb besoffen ist rausgeschmissen Geld!” Mission erfolgreich, Feiermeier glücklich.
Gunnar hält das nicht aus, jedoch gefällt ihm kaum besser, was er einige Meter weiter sieht. phallus
Gunnar gibt auf. Er will nach Hause. Sofort.
Diagnose: Überdosis Fremdscham.
Fazit: Es gibt keinen TÜV für Malle.
Ich werde Gunnar jetzt zum Flughafen bringen und freue mich aufrichtig darauf, heute Abend wieder mein zwar schlichtes, aber immerhin dankbares Publikum im Vergnügungslokal Biermeister bespaßen zu dürfen.
Bis zum nächsten Mal(le) oder wie die Freunde des gepflegten Brettspiels zu sagen pflegen: Tschö mit Ö, Halma in Palma.

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Unser Kolumnist Holger Osterloh arbeitete nach einer Ausbildung zum Erd- und Feuerbestatter mehrere Jahre als Chefanimateur auf der Gorch Fock. Parallel war er als Imageberater für Wolfgang Petry und Hartmut Engler tätig. Seit 2007 lebt er auf Mallorca und arbeitet dort als Animateur im Vergnügungslokal Biermeister sowie als freier Journalist für den Ballermann Boten. Osterloh meldet sich in unregelmäßigen Abständen von der Achse der Friseusen und versucht, das Unfassbare in Worte zu fassen, damit es in Zukunft nicht mehr heißen muss:
Die Wahrheit bleibt auf der Insel.

Die Mallorca-Kolumne: Osterloh bekommt Besuch

Das ist Wahnsinn, warum schickst Du mich in die Hölle? Hölle, Hölle, Hölle, Hölle!
(Petry Evangelium Kapitel 3, Vers 12)
Diesen Vorwurf musste ich mir heute von meinem Freund Gunnar gefallen lassen. Dabei gebe ich mir solche Mühe, ein guter Gastgeber zu sein, hole ihn extra vom Flughafen ab, begrüße ihn und alle anderen Ankommenden per Megaphon:
„Habt Ihr Lust auf Freibier? Freunde, Habt Ihr Lust auf Freibier? Ich kann Euch nicht hören! Habt Ihr Lust auf Freibier? Habt Ihr wirklich ehrlich, ganz im Ernst und ohne Flachs so richtig Lust auf verdammt viel Freibier? Dann kommt morgen Vormittag zwischen elf und halb zwölf in den Biermeister in der Schnitzelgasse und sauft so viel Freibier wie Ihr könnt!”
Gunnar ist das fürchterlich peinlich. Gunnar muss noch viel lernen. Merke: Das Niveauchamäleon ist ein Fuchs. Es ist in der Lage, sich seiner Umgebung perfekt anzupassen.
Ich bin Bespaßungsaktivist an der Partyfront Mallorca. Was hat Gunnar erwartet? „Meine Damen und Herren, um 20 Uhr lädt Jürgen Drews im Vergnügungslokal Biermeister zum Philosophischen Quartett und wird höchstpersönlich jedem Gast als Präsent eine Sonderedition mit Rilke-Gedichten überreichen.”
Hier ist definitiv kein Platz für Schöngeister. Punkt. Wir befinden uns im Epizentrum des schlechten Geschmacks, im Tsunami des Fremdschämens, auf der Achse der Friseusen.
Wir lassen die Taxis links liegen und nehmen den Bus. Gunnar reist nämlich immer authentisch. Gunnar durchquert gern mit dem selbstgebauten Fahrrad im tiefsten Winter die kasachische Steppe, kämpft sich dem größten Vergnügen bei sengender Hitze durch die Slums von Manila, hat schon alles gesehen und noch viel mehr erlebt. Nur der Abenteuerurlaub am Ballermann fehlt noch auf seiner Traveller-Liste.
Während der Busfahrt passiert nichts Außergewöhnliches. Der Kegelverein „Ex & Hopp” macht sich grölend über den Vorrat an kleinen Feiglingen her und intoniert mit schraubverschlussverzierten Nasenspitzen das entsprechende Trinklied:

Auf der Rückbank lassen sich zwei dralle Blondinen kreischend und zur zum Schein protestierend von ihren neuen Bekannten betatschen. Die forschen Jünglinge, hier wenige Sunden zuvor auf dem Weg aus dem heimischen Bottrop zum Flughafen, stellen nicht etwa nur eine kühne Behauptung auf (Keine Farbe im Urin!),


sondern bleiben auch den Beweis nicht schuldig. Während die farblosen Freunde die flugs gezückten Plastikbecher befüllen, entleert sich ein Kegelbruder, bei dem bereits zu viel Alkohol im Spiel ist, deutlich unkontrollierter. Mit einem gewaltigen Grunzen verlässt ein nicht weniger gewaltiger Schwall seine Speiseröhre, um sich sogleich im Mittelgang zu verteilen.
Das stört die Mitreisenden nicht weiter, auch der Busfahrer ist Schlimmeres gewohnt.
Allein Gunnar ist angewidert.
Gunnar ist weltoffen und unheimlich tolerant. Was Religion und sexuelle Orientierung betrifft. Hautfarbe, Herkunft und Geschlecht sowieso. Nur bei sich im Ausland daneben benehmenden deutschen Proleten soll der Spaß aufhören?!
Wird Gunnar sich auf die ungewohnte Kultur einlassen?
Oder wird er seinen Abenteuerurlaub abbrechen?
Ich bin gespannt und verspreche:
Fortsetzung folgt.

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Unser Kolumnist Holger Osterloh arbeitete nach einer Ausbildung zum Erd- und Feuerbestatter mehrere Jahre als Chefanimateur auf der Gorch Fock. Parallel war er als Imageberater für Wolfgang Petry und Hartmut Engler tätig. Seit 2007 lebt er auf Mallorca und arbeitet dort als Animateur im Vergnügungslokal Biermeister sowie als freier Journalist für den Ballermann Boten. Osterloh meldet sich in unregelmäßigen Abständen von der Achse der Friseusen und versucht, das Unfassbare in Worte zu fassen, damit es in Zukunft nicht mehr heißen muss:

Die Wahrheit bleibt auf der Insel.