Die Welt der Blogger, Twitterer und Social Network Communities – sie hat einen eigenen Hexenkessel. Die re:publica in ihrer dritten Ausführung, sie hat einiges zu bieten. Die Sonne scheint auf den Friedrichstadtpalast. Die Kalkscheune direkt dahinter, bisher Austragungsort dieses Familientreffens, platzte bereits 2008 aus allen Nähten. Heute füllt die Community den Palast UND die Scheune – die Veranstalter müssen stolz sein.
Ich bin hier eher Beobachter, fühle mich fast wie ein Spion aus längst vergangenen Zeiten der Old Media. Bei Twitter bin ich eine Karteileiche, Facebook ist mir zu stressig. Als nach stundenlangen Problemen mit dem W-Lan im großen Saal des Veranstaltungsortes die SMS-Wall im Rücken der Diskutanten doch noch ihre Arbeit aufnimmt, kann ich mich endlich tonlos aber wortgewaltig in die Diskussion einbringen. Es geht um den Medienwandel. „Warum muss die Auseinandersetzung mit Klassischen und Neuen Medien immer so auf Konkurrenz gebürstet sein?“ frage ich Rahmen von 160 Zeichen. SMS hat zwei strategische Vorteile gegenüber der parallel laufenden Twitter-Wall: ich bin anonym und habe 20 Zeichen Vorsprung. Diese Erkenntnis haben die anderen Handybesitzer auch gewonnen und zelebrieren diese Vorteile, indem sie ein künstliches Wettrennen mit den Twitterern auf der gleichen Leinwand starten und andere lustige Wortakrobatik an die Wand schicken. Eine Auseinandersetzung mit dem Podium im Vordergrund kommt nur langsam in Gang.
„Medienwandel heißt Kooperation zwischen den Gattungen – horizontal und vertikal!“ mische ich mich unbeachtet ein. Zehn Sekunden später ist meine Nachricht von den nachfolgenden Kommentaren aus dem Bild gedrängt worden. Das spielt aber auch keine Rolle, denn auch so qualitativ hochwertige Beiträge können der ausufernden Belanglosigkeit der physischen Diskussion auf dem Podium nichts mehr entgegen setzen.
Enttäuscht – denn für dieses Panel war ich eigentlich hier – verlasse ich den Saal. Ganz anders als in diesen zwitschernden Online-Welten zu bestaunen, stehen in den Fluren, hilflos Blicken ausweichend, Akteure der sozialen Interneträume verloren herum. Freilich längst nicht alle. Rege Gespräche werden geführt, die Leuchttürme der Szene versammeln ihre Follower und Abonnenten um sich. Aber viele fühlen sich in der realen Welt auf rotem Teppich stehend offenbar viel weniger wohl und aufgehoben, als in ihren virtuellen Cliquen abends allein am Schreibtisch sitzend. Ist das der Medienwandel?
Ich tappse die Treppen des noblen Foyers hinunter und will ein bisschen Berliner Luft schnuppern. Selbst im sonst doch so interaktiven Kommunikationsraum „Raucherbereich draußen“ wollen die Smalltalks nicht richtig flutschen. Man fragt sich gegenseitig nach Feuer – der Klassiker, denke ich – steht dann aber oftmals stumm nebeneinander rum und twittert ein bisschen. Vermutlich für die Wall im großen Saal. Dabeisein ist alles.
Drei knapp bekleidete Mädchen in Pink machen auf dem Gehweg plötzlich Musik mit Tuba und Klarinette und stellen sich dann marktschreierisch als „Marching-Actionband VENUSBRASS“ vor. Keiner klatscht. Einige drehen sich weg und treten ihre nur halb gerauchten Zigaretten aus.
Zurück im Saal ist grade Pause. Aus Mangel eines Laptops – ich bin einer von wenigen, die hier ohne schwere Technik angerückt sind – ziehe ich meinen SPIEGEL aus der Tasche. Ich stöbere ein bisschen in dem Artikel zum G20-Gipfel, der Titelstory. Und plötzlich fällt es mir auf. Plötzlich weiß ich, was das ist – ein missing link. Angesprungen von einer Erleuchtung rutsche ich unwohl auf meinem Klappsitz umher. Worum geht es hier eigentlich bei der re:publica? Laut Teaser werden Kultur, Medien, Politik und alltäglich genutzte Technik thematisiert. „Das Konferenz-Motto “Shift happens” (”Veränderung passiert”) steht für den rasanten Wandel des Mediensystems: Das Internet und neue Kommunikationsformen werden immer mehr in das Leben der Menschen integriert. […] Von Kunst, Medien und Kultur über Politik und Technik bis zu Entertainment bietet die re:publica’09 ein breites Themenspektrum rund um die digitale Gesellschaft.“ So heißt es etwa beim Kooperationspartner make.tv, der die großen Podien live ins Netz streamt. Digitale Gesellschaft? Rasanter Wandel des Mediensystems?
Zumindest bis zum Ende des ersten Veranstaltungstages wurde der Einfluss des Web 2.0 auf die Meinungsbildung der (meinetwegen auch digitalen) Gesellschaft für die Bereiche Musik, Technik und Boulevardpresse konstatiert. IBM als Sponsor veranstaltet eine eigene Subkonferenz zum Thema „IBM: Social Everywhere – Mitwirken im Unternehmen“. Die Aktion Mensch ist mit dem Programmteil „Internet und Ethik“ am Start. Dann gibt es noch eine „Internationale Konferenz zu Privatheit und Datenschutz im Netz“ und „Re:Health – Neue Formen medizinischer Kommunikation und Information im Internet“. Und zu guter Letzt, zumindest der Chronologie des Programmheftes folgend, kommt die Bundeszentrale für politische Bildung und widmet sich dem Komplex „Politik 2.0 – Neue politische Öffentlichkeit im Netz“. Von 107 gelisteten Veranstaltungen widmen sich 13 konkret dem Thema Politik. Die meisten davon beschäftigen sich allerdings mit der Wirkung von Politik auf die (meinetwegen auch digitale) Gesellschaft. Weil zum Beispiel eine Weltwirtschafts- und Finanzkrise mit all ihren dreckigen Spielarten zum Zeitpunkt der Themenplanung dieser Veranstaltung wohl nicht absehbar war, spielt Wahlkampf hier die dominante Rolle.
Ziemlich genau parallel zur re:publica in Berlin, treffen sich die einflussreichsten Staats- und Regierungschefs zum G20-Gipfel in London. In der Britischen Hauptstadt wird der vage Versuch unternommen, einen kleinsten gemeinsamen Nenner zur Rettung der Welt(wirtschaft) zu evaluieren. Wie schwierig dies ist, den Egoismus und Protektionismus der einzelnen Parteien hinter die Interessen der Weltgemeinschaft und im Sinne der puren Vernunft zurückzustellen, ließ sich vornehmlich in Fernsehen, Print, und Hörfunk massenmedial verfolgen.
In Berlin wird bei bester Laune teilweise ziellos, leichtfüssig und selbstverliebt über Medienwandel, den vermeintlichen Status Quo von Blogs in Deutschland und „The power of the digital US: Obama and beyond“ geplaudert. In London versuchen Politiker in gleicher Art und Weise Lösungen für existenzielle Probleme zu finden. In Berlin wird Stutenbissigkeit in der Blogosphäre moniert. „Keiner gönnt dem anderen was.“ Dieser Umstand führe zu Mutlosigkeit und ausbleibender Vielseitigkeit im Bereich der Social Media. Die politische Stutenbissigkeit in London führt in dieser Phase der Zeitgeschichte zur globalen Katastrophe.
Es wird verflucht noch mal Zeit, dass die Akteure des Web 2.0, die Social Networker, Twitterer und vor allem die Blogger, von sich ablassen, die selbstbeschworene Macht ausüben und ihren Fokus auf die Probleme unserer Zeit richten! Vom Pathos hingerissen, möchte ich sagen: Nehmt die Zügel in die Hand, macht Stimmung im Land, reißt die Grenzen ein und zeigt der Politik wo der Hase läuft. Die Lippenbekenntnisse der großen Politik in Richtung Einigkeit im internationalen Handeln, und sei es nur auf europäischer Ebene, reichen erfahrungsgemäß bis zu dem Moment, wo es ernst wird. Jetzt ist die Lage ernst! Es ist genau der richtige Moment, in dem die Blogosphäre beweisen könnte, dass sie sich nicht dem politischen Verhalten anpasst. Welcher Rahmen böte sich hier besser an, als eine re:publica in diesen Tagen? Das Programm lässt leider anderes vermuten. Hübsch verklausuliertes Stochern um den heißen Brei herum. Nicht mehr tun das! Shift happens? Veränderung passiert nicht von alleine! What are you doing? At the moment I do democracy. Cause it’s my fucking job!
Nur eine kleine Anmerkung: normalerweise wird den (Mikro-)Medien vorgeworfen, dass sie zu sehr auf das Tagesgeschehen fokussiert sind, dass sie sich auf Hype statt Inhalt stürzen. Ich hätte es daher eher bedenklich gefunden, wenn sich eine solche Konferenz primär dem politischen Tagesgeschehen gewidmet hätte.
„Medienwandel heißt Kooperation zwischen den Gattungen – horizontal und vertikal!“
Ich kann mich an daran erinnern, dass dieser oder ein ähnlicher kurzer Kommentar mich in der Runde der Zuhörer erreicht hatte. Nachdenklich saß ich in den Zuschauerrängen ein wenig verloren herum und musste mir gegenüber eingestehen, dass der Inhalt dieses Kommentars für mich an Bedeutung gewann je länger auf dem Podium diskutiert wurde.
Der größte Teil, der sich in der Sphäre von „Social Media“ aufzuhalten gedenkt, fordert fast im täglichen Rhythmus Integration und Vernetzung. Die Vielzahl der Widgets, die Mashups, etc… lassen sich in einen Webauftritt implementieren, was nichts anderes bedeutet als Integration.
Das diese Regel nur für „Hypes“ gilt, ahnte ich bisher nicht wirklich. Twitteraplikationen und andere Widgets kämpfen auf den verschiedenen Sites, um die bessere Platzierung und versuchen sich gegenseitig den Rang abzulaufen.
Kooperation und Integration bezieht sich aber auch auf das, was bereits existiert. Wenn ich dann Diskussionen verfolge, wo das Fernsehen gegen das Internet diskutiert wird, Journalisten gegen Blogger, etc … frage ich mich an welcher Wegeskreuzung wohl die Idee nach Kooperation und Integration verloren gegangen ist.
LG
Jana